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Augenklinik

Direktor:
Prof. Dr. med. Friedrich E. Kruse
Uni-Klinikum, Medizinische Fakultät, Augenklinik, Medizin 1, Medizin 3

6,5 Millionen Euro vom BMBF für Long-COVID-Forschung

Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert auch ein Forschungsprojekt der Erlanger Augenklinik

Vier erfolgreiche Heilversuche gegen die Spätfolgen einer Corona-Infektion – gegen Long COVID – haben die Ärztinnen und Ärzte der Augenklinik (Direktor: Prof. Dr. Friedrich E. Kruse) des Universitätsklinikums Erlangen seit Mai 2021 unternommen. Das Herzmedikament BC 007 brachte alle vier Menschen mit schweren Long-COVID-Symptomen auf den Weg der Besserung: Ihre Beschwerden klangen innerhalb kurzer Zeit ab. Nun unterstützt das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die weitere Erlanger Forschungsarbeit. Die geplante Studie der Augenklinik des Uni-Klinikums Erlagen ist eines von zehn Projekten, die vom BMBF mit insgesamt 6,5 Millionen Euro gefördert werden. Die Erlanger Studie soll systematisch nachweisen, ob und auf Basis welcher Mechanismen der Wirkstoff BC 007 weiteren Long-COVID-Patientinnen und -Patienten helfen kann.
Das Team der Augenklinik mit dem zweiten Heilversuch-Patienten, Oliver G., vor den Kopfkliniken des Uni-Klinikums Erlangen: Jakob Hoffmanns, Franziska Raith, Oliver G., PD Dr. Dr. Bettina Hohberger und Prof. Dr. Christian Mardin (v. l. n. r.). Foto: Franziska Männel/Uni-Klinikum Erlangen

Das Erlanger Forschungsvorhaben „Autoantikörper gegen G-Protein gekoppelte Rezeptoren als  schädliches Agens für die Mikrozirkulation und als Ursache für die Symptompersistenz in ,Long-COVID‘: Ein klinisch-experimenteller Ansatz“ wird vom BMBF für mindestens anderthalb Jahre gefördert. Wie Bundesforschungsministerin Anja Karliczek heute (23.09.2021) im Rahmen einer Pressekonferenz verkündete, ist es damit eines von zehn Projekten zur Erforschung der Spätfolgen von COVID-19, die vom Bund insgesamt 6,5 Millionen Euro an Fördergeldern erhalten. Projektpartner des Teams der Erlanger Augenklinik sind das Max-Planck-Institut für die Physik des Lichts, die Humboldt-Universität zu Berlin und das Helmholtz-Zentrum München.

BMBF-Förderung sichert wissenschaftliches Fundament

Einem 59-jährigen Bankkaufmann, einem 51-jährigen Key Account Manager, einer 39-jährigen Grundschullehrerin und einem weiteren 64-jährigen Patienten konnte das Forschungsteam des Uni-Klinikums Erlangen bisher im Rahmen von Heilversuchen mit BC 007 helfen. „Das wissenschaftliche Fundament können wir jetzt dank der BMBF-Förderung errichten, die molekularen Wirkmechanismen untersuchen und den Therapieerfolg des Medikaments BC 007 bei einer größeren Zahl von Betroffenen untersuchen“, erklärt Augenärztin PD Dr. Dr. Bettina Hohberger.

Nach einer COVID-19-Erkrankung zirkulieren im Blut der Betroffenen Autoantikörper, die sich gegen körpereigene Proteine richten. „BC 007 wurde eigentlich als Herzmedikament entwickelt. Das Interessante daran ist, dass das Medikament die schädlichen Autoantikörper bei all jenen Patientinnen und Patienten außer Gefecht setzen kann, die sie im Blut haben – egal welchen Namen die Krankheit trägt. Bei unseren Long-COVID-Patientinnen und -Patienten sehen wir: Der Wirkstoff bindet und neutralisiert die schädlichen Autoantikörper, und die retinale Mikrozirkulation verbessert sich – also die Durchblutung in den feinsten Blutgefäßen des Auges. Wir nehmen an, dass dieser Effekt nicht auf das Auge beschränkt ist, sondern den ganzen Körper betrifft. Die Durchblutung verbessert sich und damit klingen die Long-COVID-Symptome ab“, so Bettina Hohberger.

Klinische Phase-2a-Studie am Uni-Klinikum Erlangen in Vorbereitung

Die nun geplante klinische placebokontrollierte Phase-2a-Studie am Uni-Klinikum Erlangen soll den in den Heilversuchen erprobten Therapieansatz wissenschaftlich untersuchen. Konkret erforscht wird die Neutralisation von Autoantikörpern gegen G-Protein-gekoppelte Rezeptoren (GPCR-AAb). „Wir möchten aufklären, welcher Zusammenhang besteht zwischen den durch eine SARS-CoV-2-Infektion gebildeten Autoantikörpern, der eingeschränkten Durchblutung des Auges und der Gesamtdurchblutung des Organismus“, erklärt Prof. Dr. Christian Mardin, leitender Oberarzt der Augenklinik des Uni-Klinikums Erlangen. PD Dr. Dr. Hohberger ergänzt: „Im Labor sehen wir uns dazu beispielsweise an, wie die Autoantikörper die Funktion und die Verformbarkeit von Blutzellen und -gefäßen beeinflussen. Insgesamt geht es uns darum, zu ergründen, welche molekularen Mechanismen konkret zu unseren erfolgreichen Heilversuchen gegen Long COVID geführt haben. Ziel ist es, den Grundstein für Zulassungsstudien zu legen, sodass bald noch mehr Menschen mit Long COVID medikamentös geholfen werden kann.“

Prof. Mardin ergänzt: „Seit Öffentlichwerden unserer ersten Therapieerfolge erreichen uns unzählige Anfragen von Betroffenen. Wir sind dankbar, dass wir aufgrund der Förderung nun die Möglichkeit bekommen, unsere Forschung in diesem wichtigen Bereich, in dem noch so viele Fragen offen sind, entscheidend voranzubringen.“

Menschen mit Long-COVID-Symptomatik können sich bis auf Weiteres per E-Mail an recover.auatuk-erlangen.de wenden und werden kontaktiert, wenn die Phase-2a-Studie startet und sie dafür infrage kommen.

Rückblick: bisherige Heilversuche – Long-COVID-Symptome verschwanden nach Gabe von BC 007

Axel N. aus Oberfranken war Patient Nummer eins. Seit 2007 ist er Glaukompatient der Erlanger Augenklinik. Nach einer Corona-Infektion litt der 59-Jährige aus dem Landkreis Coburg u. a. unter Konzentrationsschwierigkeiten, Geschmacksstörungen und extremer Erschöpfung – bei Familientreffen schlief er einfach so am Tisch ein, konnte Gesprächen nicht mehr folgen. Bereits kurz nach der einmaligen Infusion von BC 007 waren seine Long-COVID-Symptome komplett verschwunden. Die Durchblutung seiner Netzhaut hatte sich verbessert, wie die Optische Kohärenztomografie-Angiografie (OCT-A) zeigte. Bis heute geht es ihm gut, er fühlt sich fit und ist aktiv. Auch der 51-jährige Oliver G. aus dem Allgäu bekam BC 007. Ihn hatte seine Corona-Infektion im Mai 2020 mitten aus dem Leben gerissen. Er litt unter starken Erschöpfungszuständen, Gleichgewichts-, Koordinations- und Gedächtnisstörungen sowie unter Muskelzuckungen und einem starken Zittern der rechten Hand und des Arms. In seinem Gehirn lag ein dichter Nebel (brain fog), sodass er seinen Sport und auch seinen Beruf als Key Account Manager aufgeben musste. Bei den kleinsten Aufgaben im Haushalt brauchte Oliver G. Unterstützung. „Ich war ein Abziehbild meiner selbst – ein Zombie, und nicht ich“, sagt der 51-Jährige. Doch auch bei ihm klangen nach der 75-minütigen einmaligen Gabe von BC 007 die Symptome ab. Heute kann Oliver G. wieder Fahrrad, Auto und Motorrad fahren, Sport treiben und mit seinem Hund Gassi gehen. Und er hat begonnen, wieder in seinem alten Beruf zu arbeiten. Die bisher am schwersten betroffene Patientin, die in der Erlanger Augenklinik wegen ihrer Long-COVID-Beschwerden behandelt wurde, war eine 39-jährige Grundschullehrerin aus Mittelfranken. Sie beklagte massive Abgeschlagenheit, Gleichgewichts-, Koordinations-, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen und brain fog sowie Gangunsicherheiten und Geschmacksstörungen. Dazu kamen Lähmungserscheinungen in einer Hand und in einem Fuß. „Vor meiner COVID-Erkrankung war ich ein gesunder Mensch. Danach lag ich die überwiegende Zeit im Bett und konnte nicht mal lesen“, schildert die Patientin. „Auch bei dieser Betroffenen ließ der brain fog schon am ersten Tag nach der Medikamentengabe deutlich nach“, bestätigt PD Dr. Dr. Hohberger. „Zudem bessern sich seitdem die neurologischen Einschränkungen und die Erschöpfung zusehends.“ Und noch einen weiteren Long-COVID-Patienten, einen 64-jährigen Mann, wählte das Team der Erlanger Augenklinik für einen Heilversuch aus. „Auch bei ihm sehen wir, dass er von der Therapie profitiert“, sagt Bettina Hohberger.

Weitere Informationen:

PD Dr. Dr. Bettina Hohberger
Telefon: 09131 85-33001
E-Mail: recover.auatuk-erlangen.de

PD Dr. Dr. Bettina Hohberger bei einer OCT-A-Untersuchung einer Patientin. Foto: Franziska Männel/Uni-Klinikum Erlangen
PD Dr. Dr. Bettina Hohberger. Foto: Franziska Männel/Uni-Klinikum Erlangen
 

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